Zeitenwende

Skandal! – Der »SACRE« wird schon hundert

Zeitenwende

Um das Pariser Publikum mit russischer Kunst bekannt zu machen plante der Impresario Sergei Djagilew eine Serie von Ballettaufführungen; er ließ die Scheherazade von Rimski-Korsakow für das Ballett einrichten und beauftragte den jungen, unbekannten Strawinski mit der Komposition des phantastischen Märchenstoffs Der Feuervogel; dessen Uraufführung 1910 war noch ein durchschlagender Erfolg, der Strawinskis Weltruhm begründete. Von der radikalen Neuartigkeit der Musik des Sacres hingegen drei Jahre später war das Pariser Publikum schockiert, über die Inszenierung empört.


Auch heute noch erleben wir die komplex geschichteten harmonischen, rhythmischen und metrischen Strukturen als provozierend modern. Kaum ein Hörer wird sich wohl der atemberaubenden, fast archaischen Vitalität des Werkes entziehen können. Inhaltlich beschreibt das Ballett Le sacre du printemps die Opferung einer Jungfrau zur Besänftigung des Frühlingsgottes im heidnischen Russland. Viele Themen lassen eine Verwandtschaft zu russischen Volksweisen erkennen, die Strawinski nicht zuletzt durch die Volksliedersammlungen seines Lehrers Nikolai Rimski-Korsakow kennengelernt haben mag.


So sehr der »Sacre« ein Werk der Moderne ist, so eindeutig steht die 1888 entstandene sinfonische Suite Scheherazade von Rimski-Korsakow in der Tradition der großen sinfonischen Dichtungen des neunzehnten Jahrhunderts. Das Werk ist nach der Hauptfigur der Erzählung Tausendundeinenacht benannt. Obwohl sich der Komponist später dagegen gewandt hat, Geschichten in seine Musik hineinzuinterpretieren, sind inhaltliche und atmosphärische Bezüge zwischen den charakteristisch gestalteten Suitensätzen und den Märchen der berühmten Sammlung augenfällig.


Bei näheRimski-Korsakowrem Hinsehen weisen beide russischen Meisterwerke eine Reihe kompositorischer Gemeinsamkeiten auf; durch ihr diametral entgegengesetztes Erscheinungsbild aber repräsentieren sie eklatant die enorme intellektuelle und emotionale Wandlung, die die Welt um die Jahrhundertwende vollzogen hat. In diesem Sinne erweckt dieses Programm Geschichte musikalisch zum Leben.

Für mich ist jener Junitag des Jahres 1912, an dem der junge Strawinski mit Debussy am Klavier saß, um den ersten Teil des Sacres zu probieren – der zweite Teil war noch nicht fertig - ein ebenso historisches Ereignis wie der Uraufführungsskandal vom 29. Mai 1913. Leider wissen wir nicht, wie er verlaufen ist; wir kennen aber jene Urfassung des Sacres für Klavier zu vier Händen, aus der die Komponisten gespielt haben mögen.
Die Klavierfassungen ersetzen die unterschiedlichen Farben der Orchesterinstrumente durch den einheitlicheren Klavierklang. Hierdurch können nicht nur die rhythmisch-perkussiven Anteile, sondern auch raffinierte harmonische Details in besonderer Weise hörbar gemacht werden. Daher ermöglicht der Verzicht auf ein großes Orchester bei der Aufführung dieser beiden Meisterwerke der Instrumentation einen ungewohnte intimen, persönlichen Zugang zu den Werken.

 

// Piotr Oczkowski und Stefan Matthewes - Klavier

Hörbeispiele zu diesem und ausgewählten anderen Programmen finden Sie unter dem Menü HÖRPROBEN.

 


Programmablauf

Nikolai Rimski-Korsakow, Scheherazade op. 35

Igor Strawinski, Le sacre du printemps

Die Veranstaltung dauert mit Moderation und einer fünfzehnminütigen Pause etwa zwei Stunden.